Die Involution der Verwandlung. Posthumanistische Denkfiguren in Elias Canettis "Masse und Macht"
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Słowa kluczowe

Elias Canetti
Posthumanismus
Macht
Verwandlung
Tod

Jak cytować

Schott, H.-J. (2022). Die Involution der Verwandlung. Posthumanistische Denkfiguren in Elias Canettis "Masse und Macht". Studia Germanica Posnaniensia, (42), 9–26. https://doi.org/10.14746/sgp.2022.42.02

Abstrakt

In seinem philosophischen Hauptwerk  Masse und Macht suspendiert Elias Canetti die  für die abendländische Metaphysik zentrale Differenz von Natur und Kultur, indem er im Anschluss an Friedrich Nietzsche das menschliche Verhältnis zur belebten und unbelebten Natur unter dem Begriff der Verwandlung diskutiert, der den dionysischen Prozess einer psychophysischen Meta- morphose bezeichnet. Die Verwandlung verbindet intensive Affekte, materielle Partikel und die freie Variation dichter Zeichen zu einem symbolischen Gefüge, das einen transversalen Kommunikations- und Austauschprozess zwischen dem menschlichen und animalischen Organismus anstößt. Dieses postanthropozentrische Erkenntnismodell entfaltet Canetti auf Basis einer phänomenologischen Annäherung an psychotische Grenzerfahrungen. Während er das schizoide Erleben intensiver Affektströme als ein paradigmatisches Beispiel für den gewaltfreien Austausch des Menschen mit der Natur betrachtet, erkennt er in den Krankheitsmustern der Paranoia die grundlegenden Strukturen der Macht wieder, die die Verwandlung zugunsten einer instrumentellen Beherrschung der Natur und der sozialen Interaktionen unterbinden. Die Paranoia der Macht ist für Canetti zugleich die Paranoia eines seit Aristoteles tief in der abendländischen Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte verankerten Rationalitätskonzepts, das das Menschliche in Abgrenzung zu der es umgebenden Natur zu definieren versucht.

https://doi.org/10.14746/sgp.2022.42.02
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